Gehirnfaschingszug // Gleichberechtigung und so

Gedanken zur Gleichberechtigung3Vorab: Eigentlich wollte ich nur mal meine Gedanken zum Thema Gleichberechtigung ordnen. Das Chaos im Kopf war doch ganz schön groß und aus dem Gehirnfasching wurde ein ganzer Faschingszug! Ich wollte jetzt aber auch nicht zwei oder drei Posts draus machen weil es für mich irgendwie zusammen gehört – daher: Entschuldigung für die Länge – ich hoffe trotzdem auf euer Interesse beim Lesen!

Bei der SZ gibt es gerade einen Schwerpunkt zum Thema „Gleichberechtigung heute“. Ich habe mich dabei erwischt, dass ich erstmal gar nicht reingeklickt habe, aus einem unterschwelligen Gefühl aus Resignation und Langweile heraus. À la: „Es ist ja eh so wie es ist und das habe ich alles auch schon zehnmal gelesen“. Und dann habe ich dieses Video gesehen – und plötzlich war er wieder da, mein vorher unterdrückter Gerechtigkeitssinn und das Gedankenkarussel fing an sich zu drehen. Denn ich frage mich ernsthaft und ärgere mich über mich selbst, warum ich schnell dabei bin, eine Position zu beziehen, wenn es um die Rechte von Flüchtlingen, um Themen wie Massentierhaltung oder die Näherinnern von H&M geht und wenn es aber um meine eigene Rolle in der Gesellschaft geht, plötzlich keinen Bock mehr habe?

Weil ich vielleicht schon ganz zufrieden bin, mit der Gleichberechtigung und meinen Chancen und Möglichkeiten in dieser Gesellschaft? Oder weil der Begriff Feministin erstmal als uncool gilt – auch bei vielen Frauen? Das Hardcore-Emanzenbild, zu dem man nicht gehören will? Rosa Luxemburg, Alice Schwarzer, will ich mich mit diesen Frauen identifizieren? Das muss man doch aber gar nicht. Das waren andere Zeiten und die haben andere Aussagen erfordert. Denn Dank dieser Frauen sind einige ihrer Aussagen so heute nicht mehr nötig. Aber deswegen ist immer noch nicht alles gold was glänzt und es lohnt sich doch ab und zu über das aktuelle Frauenbild beziehungsweise über die Rolle der Frau in der heutigen Zeit nachzudenken.

Früher habe ich viel idealistischer diskutiert. Mittlerweile bin ich älter und weiß, dass es kein schwarz und weiß gibt. Aber ich weiß ernsthaft nicht mal ob ich für oder gegen eine Frauenquote sein soll? Mannmannmann. Neben dem Vorhaben, mich mehr zu informieren, um differenzierter und eben nicht mit platten Aussagen eines wütenden Teenagers Stellung beziehen zu können, habe ich trotzdem etwas reflektiert. Weil dieser Blog ja auch ein Ort sein soll, um meine Gedanken zu ordnen und vielleicht auch, um euch ein bisschen zum Nachdenken anzuregen. Weil solche Themen im Alltag ja oft untergehen.

Was mich nachdenklich macht:

Frauen in Deutschland verdienen im Schnitt 21 Prozent weniger als Männer. Bis zur Einführung des Mindestlohns waren es übrigens noch 22 Prozent – weil der Lohn von viel mehr Frauen als Männern unter dem Mindestlohn lag. Oft bekommen Männer für den gleichen Job mehr Geld – das ist einfach unfair. Oft sind aber auch mehrheitlich Frauen bereit, in schlecht bezahlten Branchen zu arbeiten. Warum? Ist es Idealismus? Soziale oder auch kreative Arbeit – nur ein Beispiel – ist „weniger“ wert, wenn es um die Bezahlung geht – oft klassische Frauenbranchen. Aber die Berufswahl ist ja auch ein selbstgewähltes Schicksal. Also wollen wir die Gleichberechtigung nicht, wenn wir uns für Jobs interessieren, die schlecht bezahlt werden? Oder nehmen es Frauen einfach leichter hin, dass Jobs, die ihren Neigungen entsprechen, weniger wert sind? Gibt es das überhaupt wirklich? Jobs die weiblichen Neigungen entsprechen – oder wurde uns das nur jahrelang eingetrichtert? Mögliche Antworten darauf gibt dieser Artikel, der beschreibt, dass die Gesellschaft immer noch die Arbeit von Frauen als geringwertiger betrachtet. Unabhängig von Eltern- oder Teilzeit. Es liegt eben nicht unbedingt an der Art der Arbeit sondern es gibt Beobachtungen, dass immer, wenn ein Berufsfeld mehrheitlich von Frauen ausgeübt wird, der Lohn langsamer steigt, bzw. niedriger ist. Dass das im Jahr 2016 immer noch so ist, macht mich sehr nachdenklich.

Ich finde nicht, dass es zwingend so viele Ingenieurinnen wie Ingenieure braucht oder die Hälfte aller Dax-Konzerne von Frauen geleitet werden müssen – aber schön wäre es trotzdem oder? Denn die gläserne Decke gibt es in vielen Bereichen eben doch noch und die Frauen, die es möchten, haben schlechtere Chancen als ihre männlichen Kollegen. Viele Frauen haben aber auch gar nicht so starke berufliche Ambitionen und sind glücklich darüber, zum Beispiel mehr Zeit bei ihren Kindern zu verbingen, als das männliche Elternteil. Aber einige wären bestimmt anders glücklicher. Und es gibt auch Männer, die entgegen des Rollenklischees ernst genommen werden möchten, wenn sie Teilzeit arbeiten wollen. Aber das sind prozentual immer noch sehr wenige. Ich glaube, dass viele Paare gar nicht auf die Idee kommen, es mal „andersrum“ oder eben „aufgeteilt“ zu gestalten. Wie in diesem Artikel beschrieben, ist es zwar schon lange nicht mehr so, dass die typische Frau ausschließlich zuhause bleibt, aber dass der Mann länger als zwei Monate Elternzeit nimmt oder Teilzeit arbeitet, kommt selten vor. Das muss jeder einzelne auch ganz individuell für sich entscheiden und ich kann die Gründe dafür sehr gut verstehen. Aber dass es in Summe bei so vielen Famlien in Deutschland so gelebt wird und die meisten es sich für sich gar nicht anders vorstellen können, liegt glaube ich schon am „klassischen“ Rollenbild und eben daran, dass Männer mehr verdienen.  Viele Frauen achten ja immer noch bei der Partnerwahl darauf, dass er mehr verdient als sie selbst – eben weil sie gerne einen „Versorgertypen“ hätten – und untermauern so das Rollenbild weiter. Das wäre an sich ja kein Problem, wenn man einmal von der finanziellen Abhängigkeit absieht, die wirklich ein Problem ist.

Trotzdem – und das ist das, was auch ich in meinem persönlichen Umfeld beobachten kann, gibt es mittlerweile schon lange auch den Trend zu „gleich und gleich gesellt sich gern“ – also viele Paare, die aus einer ähnlichen Bildungs- und Gehaltsschicht kommen und Frauen, die sich durchaus selbst versorgen können. Zwar ist es mit Kindern immer typisch, dass erstmal die Frau zuhause bleibt – sie ist ja auch die, die das Kind zur Welt bringt und meistens auch stillt. Aber ich kenne auch Väter, die beispielsweise wenn die Kinder schon etwas älter sind, selbstverständlich auch mal früher gehen oder im Homeoffice arbeiten, weil die Frau auch wieder arbeitet und zum Beispiel Elternabend ist oder das Kind abgeholt werden muss. Viele Väter wollen keine Überstunden schrubben und Zeit mit ihren Kindern verbringen. Und ich hoffe, dass die Entwicklung weiter in diese Richtung geht. Dass es neben dem Modell des männlichen Versorgers eben auch noch viele andere Modelle gibt, bei denen beide Geld und Familienzeit einbringen können. Und dass mehr Männer in Zukunft auch mal eine berufliche Auszeit einlegen können, ohne dass es einer Kündigung gleich kommt. Das wäre ja nicht nur bei Kindern wichtig, sondern auch, wenn zum Beispiel ältere Menschen gepflegt werden müssen.

Und dann gibt es noch solche Punkte, die mich wirklich wütend machen:

Sprüche wie: „Na mit dem Minirock muss sie sich doch nicht wundern, wenn sie abends alleine nach Hause läuft und sexuell belästigt wird.“ Wenn Männer ihre Finger nicht bei sich lassen können, ohne Einverständnis der Frau ist die Frau nicht schuld! Niemals! Jeder sollte angsfrei immer nach Hause laufen können, egal ob männlich oder weiblich. Auch regt es mich auf, wenn Leute glauben, dass es sexuelle Belästigung erst seit der Flüchlingskrise gibt. Es gab Zeiten, da bin ich von der Wiesn heim, weil ich beim durchlaufen im Zelt permanent Hände auf meinem Arsch hatte. Ich habe auch schon schlimmeres erleben müssen. 2009. Lange vor Köln und Co. Es ist also jahrelang gelebte Normalität in Deutschland, dass man als Frau mit so etwas rechnen muss. Und das regt mich am allermeisten auf.

Stutenbissigkeit. Ich hasse schon alleine das Wort. Frauen, die sagen: „Ach ich arbeite viel lieber mit Männern zusammen, das ist nicht so kompliziert“  gehen mir tierisch auf den Geist. Was soll das denn bitte für eine Aussage sein? Ich hatte auch mal schon Ärger mit einer Kollegin,  aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, den Grund dafür ausschließlich beim Geschlecht zu suchen. Die Schlussfolgerung wäre ja, dass Weiblichkeit die General Ent- oder auch Be-Schuldigung für unkollegiales Verhalten ist. Ich bin überzeugt: Verschiedene Charaktere arbeiten verschieden gut zusammen. Das liegt nicht am Geschlecht und mit solchen Aussagen wertet sich eine Frau doch selbst ab. Wenn ich sage, dass ich lieber mit Männern zusammen arbeite, impliziere ich ja, dass ich mich selbst nicht als Kollegin haben möchte. Gilt genauso für den Freundeskreis. Mädels, die immer sagen: Ach ich habe ja nur männliche Freunde, Frauen sind mir zu kompliziert. Suchst du dir deine Freunde nur nach dem Geschlecht aus? Was ist mit Humor, Interessen, Sympathie, Loyalität? Hat das keine Frau außer dir selbst und du bist die weibliche Super-Ausnahme auf diesem Planeten? Mensch Mädels, überlegt dochmal, das wertet uns doch nur selbst ab, wenn wir Frauen-Bashing betreiben! Es sind nämlich ganz oft nicht nur die bösen Macho-Männer, die für ein abwertendes Frauenbild sorgen, sondern die Frauen selbst.

Einmal reflektieren – wie schaut es eigentlich bei mir persönlich aus?

Wenn es um das Thema Gleichberechtigung und die Rolle der Frau geht, sollte man sich auch mal selbst fragen, ob man aufgrund seines Geschlechts an Grenzen stößt – und wenn ja, inwiefern es unglücklicher macht. Ich glaube schon, dass ich mich leider weniger über mein Gehalt definiere als meine männlichen Studienkollegen. Die sind ja mit den gleichen fachlichen Voraussetzungen ins Beruflsleben gestartet und verdienen im Schnitt sicher mehr als ich, weil sie ihre Tätigkeiten nach dem Studium viel zielstrebiger danach ausgerichtet haben. Gehaltsverhandlungen machen mir keinen Spaß und auf häufige Jobwechsel nur aufgrund des Gehalts habe ich auch nicht wirklich Lust, auch wenn es mir natürlich nicht egal ist und ich auch ganz gut verdiene. Aber ist das jetzt ein Frauending oder eher ein persönliches Ding?  Trotzdem arbeite ich in einem Unternehmen, in dem es relativ viele weibliche Führungskäfte gibt und auch Frauen sich gehaltlich entsprechend entwickeln können, was ich sehr an meinem Umfeld schätze.

Und privat? Ich bin Mitte dreißig, bin nicht verheiratet und habe keine Kinder. Ich habe nicht, wie es vor dreißig Jahren bestimmt der Fall gewesen wäre, das Gefühl ein gesellschaftlicher Außenseiter zu sein. Verschiedene Lebensmodelle sind mittlerweile anerkannt. Ich glaube, so richtig kommt das Thema auch erst im Privaten auf, wenn es Kinder gibt, die betreut werden müssen – siehe oben – und da kann ich nicht mitreden. Trotzdem muss ich sagen, dass ich wahrscheinlich nicht mit meinem Freund so entspannt zusammen leben würde, wenn wir keine gleichberechtigte Aufgabenteilung hätten. Auch bin ich froh, dass ich finanziell unabhängig bin und mir – abgesehen von der Miete, die wir uns teilen – auch ohne ihn den gleichen Lebensstandard leisten könnte. Ich habe das Gefühl, dass ich schon gerne sehr viele Seiten auslebe, die klischeehaft weiblich sind. Ich schreibe hier ja auch über Kochen, Einrichten und Mode. Und genauso koche ich gerne und dekoriere unser Zuhause. Aber wenn es ums bügeln, staubsaugen oder aufräumen geht, bin ich als undordentliche Chaotin sicher nicht die richtige Ansprechpartnerin bei uns. Dafür kann ich besser mit der Bohrmaschine umgehen. Und ich wäre echt unglücklich, wenn mein Freund das nicht auch so sehen würde – jeder macht das, was ihm besser liegt – anstatt: Jeder macht das, was das Geschlechterklischee vorgibt. Ich gehe davon aus, dass das mittlerweile bei vielen so aussieht – da hat sich in den letzen Jahrzenten doch schon einiges getan.

Ich bin dankbar für das, was Generationen Frauen geschafft und für uns erreicht haben. Aber ich glaube auch, dass sich eine moderne Gesellschaft immer weiter entwickeln muss. Dafür, dass es weiter geht und nicht stagniert, sind wir mitverantwortlich: Es liegt daran, wie wir unsere Rechte leben und einfordern. Und es liegt daran, zu überlegen, was wir vielleicht anders – oder genauso machen würden wie unsere Eltern und welches Frauen- und Männerbild wir den jüngeren Generationen vorleben möchten – und vor allem wie wir es schaffen, dass Frauen und Männer fair und mit gleichem Maßstab entlohnt werden – egal ob als Single, Paar, Eltern oder alleinerziehend.

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