Vom Municorn zum Wuticorn – Meine virtuelle Anti-Pegida-Demo

Der WutbürgerDarf ich mich vorstellen, ich bin jetzt auch so ein Wutbürger, jawohl! Ich habe mich heute etwas durch die Berichterstattung zu den neuesten Pegida-Demos geklickt und kann nicht mehr an mich halten. Und jetzt muss ich hier eine virtuelle Ein-Frau-Wutbürger-Demonstration durchführen, anstatt wie von langer Hand geplant einen kuscheligen Cocooning-Post fertig zu machen, für den ich schon so tolle Bilder gemacht habe. Ich gehe zwar davon aus – oder hoffe es zumindest, dass keiner meiner exklusiven Leserschaft einer der Adressaten meiner Message ist, aber als Wutbürger kann man sich ja überall hinstellen und demonstrieren und ich habe gerade jetzt und hier das Bedürfnis dazu, also los. Und Warum?

Weil mir diese Demonstrationen im Herzen wehtun und mich wütend machen.

Weil ich zumindest so patriotisch bin, dass ich eine andere Vorstellung von einem modernen Deutschland habe, in dem ich gerne lebe und das auch weiterhin tun möchte.

Weil ich nicht in einem Land leben möchte, wo Rassismus und Fremdenhass nicht nur in zu vielen Köpfen verwurzelt ist, sondern jetzt auch wieder zunehmend die Tagespresse füllt und Asylantenheime brennen.

Weil ich zwar immer noch denke. „Das sind Spinner und repräsentieren nicht die Bevölkerung“ Aber nicht mehr „Lass die doch marschieren ich habe besseres zu tun.“ Ich will meine Stimme erheben und denen nicht ohnmächtig zuschauen.

Leider bringt es irgendwie auch nichts auf platten Populismus genauso zu reagieren, oder es fällt mir schwer – deswegen hier ein paar Worte an euch, meine lieben rechtsradikalen Mitbürger, die ihr ja nicht wisst, dass ihr Nazis seid:

Ein bisschen mehr Demut, bitte!

Ich bin wirklich nicht sehr religiös, aber dennoch lebe ich mehr christliche Werte als ihr alle zusammen, die unsere abendländische Kultur ja so hochhalten und retten wollen. (Abgesehen davon, dass ich der Meinung bin, dass „Abendland“ ein ziemlich bescheuertes Wort ist, wie auch auf vielen Schildern der Gegendemos zu lesen war.) Ihr lebt in einem der reichsten Länder der Welt. Mit Krankenkasse und sozialem System. Keiner kann etwas dafür, wo er geboren wird. Ist euch nicht bewusst, wie arrogant ihr eigentlich auf die Menschen im Rest der Welt wirken müsst? Seid erstmal dankbar, dass ihr hier leben dürft. Ich bin keinesfalls der Meinung, dass in unserem Land alles glatt läuft – aber im Großen und Ganzen muss man einfach dankbar und froh sein, über die Möglichkeiten, die es hier für jeden gibt. Aber ihr seid wütend und frustriert weil es euch ja so schlecht geht. Und dann tragt ihr sinnvollerweise neben euren „Ausländer raus“ Parolen Schilder mit „Kein Krieg mit Russland“. Krieg mit Russland will ich auch nicht – auf keinen Fall! Aber muss ich deswegen auf eine Demo gegen Flüchtlinge gehen? Und anstatt einen Rundumschlag gegen alles zu machen und das unter das Banner „Gegen Islamisierung“ zu stellen, solltet ihr vielleicht konstruktiv versuchen, das Land mitzugestalten. Das mache ich auch viel zu wenig, gebe ich zu – aber ich marschiere auch nicht montags durch Dresden – dafür aber nun wegen euch am Montag zum Max-Josef Platz. (mehr dazu unten)

Nächstenliebe? Hier doch nicht!

„Ich teile nicht und ich will mehr vom großen Kuchen.“ Das ist eure Ansage. Sehr christlich und „abendländisch“ wie ich finde. Abgesehen davon ist die Einwanderungssache in Wirklichkeit etwas komplexer als in eurer Welt. Die Tatsache, dass durch Zuwanderung viele Steuereinnahmen und Geld für die Sozialkassen entstehen, geht an euch vorbei – es müsste nämlich eigentlich gar nicht so viel geteilt werden, wenn man den Menschen auch eine Chance geben würde, zu arbeiten und ihren Beitrag zu leisten. Aber abgesehen davon: Ein bisschen Empathie und Einfühlungsvermögen könnt ihr nicht aufbringen? Wie schlecht es einem gehen muss, dass er sich dazu entscheidet, in einem maroden Boot die lebensgefährliche Fahrt nach Europa aufzunehmen? Wie schlimm es gerade in Syrien ist? Wo nicht nur das eigene Regime gegen die Bürger wütet sondern auch noch die Isis rumrennt und Menschen abschlachtet? Ihr weist die Opfer der Glaubenskriege ab, gegen die ihr selber demonstriert? Ich weiß, dass man Flüchtlinge nicht unkontrolliert zuwandern lassen kann. Aber ich finde, man kann als eines der reichsten Länder der Welt doch Menschen, die sich offensichtlich in den bittersten Stunden ihres Lebens befinden, zumindest ein freundliches „Willkommen“ entgegen bringen – und schauen wie man sie dabei unterstützen kann, ihre Existenz zu sichern. Die ist nämlich bei den meisten bedroht, müsst ihr wissen. Aber nein, das sind ja alles nur „Schnorrer“.

Im Spiegel Bericht sagte ein Mann auf der Demo „ Ich habe mein Leben lang gearbeitet – und jetzt bekomme ich nur Hartz 4, das macht mich wütend“ Ja, das kann einen wütend machen. Aber das hat nichts mit irgendeiner eingebildeten Islamisierung zu tun. Und wenn man sich mal ein bisschen in der Welt umschaut, kann man auch froh sein, dass es hier überhaupt sowas wie Hartz 4 gibt. Aber Besucher solcher Demos schauen sich ja normalerweise auch nicht in der Welt um. Schade.

Nein, ich möchte nicht. Ich mach da nicht mit. Ich schäme mich für euch. Ich will euch nicht in meinem Deutschland haben! So viel Patriotismus muss sein.

nicht mit mir

Und wer es auch unerträglich findet, dass rechte Parolen wieder massenkompatibel geworden sind, kann hier seine Meinung zum Ausdruck bringen: Das Bündnis Bellevue di Monaco ruft zu einer großen gemeinsamen Kundgebung am 22.12.14 auf den Max-Josef-Platz vor der Staatsoper auf. Ich bin dabei – wer noch?

´Platz Da! Kundgebung München

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9 Kommentare zu „Vom Municorn zum Wuticorn – Meine virtuelle Anti-Pegida-Demo“

  1. Sehr schön, du hast völlig Recht.
    München ist leider etwas weit weg für mich. Ich habe mich aber schon informiert, ob es bei uns in der Stadt auch Gegenveranstaltungen gibt – noch nicht, aber sobald das der Fall ist, werde ich natürlich auch am Start sein.
    Gerade in der Weihnachtszeit finde ich es absolut zynisch, gegen Flüchtlinge zu demonstrieren. Es ist natürlich immer behämmert und dumm, aber gerade jetzt sollten diese „aufrechten Deutschen“, die ja die Christlichkeit dieses Landes verteidigen wollen, vielleicht doch mal eine Sekunde darüber nachdenken, was Christlichkeit überhaupt bedeutet. In der Weihnachtsgeschichte wird über die Hartherzigkeit der Einheimischen, die Josef und Maria keine Unterkunft geben wollen, geklagt. Da ist das was ganz schlimmes. Jetzt wollen wir hier alle wegschicken? Lächerlich!

    Liebe Grüße
    Nele

    1. Danke für deinen Kommentar! Ich finde es auch gerade jetzt in der Weihnachtszeit besonders schlimm das hat rein gar nichts mit christlichen Werten zu tun – und richtet sich auch sonst gegen jedes moralische Werte-Emfpinden. LG

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